19.06.2025 07:11
«Politik ist ein Spiegel ihrer Zeit»
Die Feier zum 50-Jahr-Jubiläum rückte die Wichtigkeit von Demokratien in den Fokus
Nach der ersten Sitzung des Einwohnerrates von Herisau im neuen Amtsjahr war es an der Zeit, das 50-Jahr-Jubiläum zu begehen. Der Festakt fand in der reformierten Kirche statt – samt Rede von alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz sowie Erinnerung an alte Zeiten und Wünschen für die Zukunft.
Jubiläum «50 Jahre, das klingt schon beinahe episch», sagt Celia Hubmann, Einwohnerratspräsidentin, als sie die Feier in der Dorfkirche eröffnete. Der Einwohnerrat habe sich wohl über die Jahre gewandelt, sei aber seinem Kernauftrag stets treu geblieben: Die Bevölkerung demokratisch zu vertreten.
Engagement für die Gemeinde
Auf den Tag genau tagte der Herisauer Einwohnerrat 50 Jahre zuvor am 11. Juni 1975 das erste Mal – das wollte gefeiert werden. Gemeinde- und Einwohnerräte verzichteten hierfür auf die Sitzungsgelder. Rund 150 Gäste kamen, um mit dem Einwohnerrat zu feiern. Als Hubmann zurückblickt, stellt sie fest, dass damals noch 21 Gemeinderäte wirkten, heute sind es deren sieben. «Der Einwohnerrat hat sich gewandelt. Die Themen werden komplexer – Politik ist ein Spiegel ihrer Zeit – der Rat ist aber nach wie vor die Stimme der Bevölkerung», sagt Hubmann. Es sind auch ehemalige Einwohnerrätinnen und -räte sowie ehemalige Präsidenten anwesend. «Wir feiern heute das Parlament und schlagen den Bogen in die Zukunft», meint Hubmann. Denn eines sei stets konstant geblieben: Die Leidenschaft, mit der sich Menschen für die Gemeinde engagieren.
«Wir waren Jungspunde»
Dass der Herisauer Einwohnerrat überhaupt ein solches Jubiläum feiern kann, ist auf alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz zurückzuführen. In seiner Rede erinnert sich Merz an die Elfergruppe, der er einst angehörte. Zusammengetrommelt von Manfred Rüesch traf sich die Gruppe im Bahnhofsbuffet. «Wir waren Jungspunde und hatten weder einen Auftrag oder eine Rechtsform – wir waren einfach elf Idealisten», so Merz. Die Gruppe war der Ansicht, dass Herisau eine Gewaltenteilung, mehr Struktur in der Gemeindepolitik sowie mehr Transparenz brauche. «Die 21 Gemeinderäte tagten zwei Mal im Monat, waren in 28 Kommissionen organisiert und oft überfordert. Die Gemeinderäte haben viel korrespondiert», sagt Merz und zitiert aus einem Brief in klassischem Behördendeutsch. «Wie beim Bündnerfleisch», meint Merz und spielt auf seine inzwischen legendäre Bundeshausrede an – und erntet viele Lacher. Die Elfergruppe konnte mit ihrer Vorlage an der Volksabstimmung einen Erfolg verbuchen. So wurde der Einwohnerrat am 11. Juni 1975 erstmals eingesetzt und löste den bisherigen Gemeinderat ab, der bis dahin die Legislative ausgeübt hatte. Die Einführung des Einwohnerrats war ein wichtiger Schritt zur Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive. Nach Merz’ Rede kamen fünf Präsidentinnen und Präsidenten des Einwohnerrates zu einem Talk zusammen. Alois Cavelti, Heinrich Bär, Regierungsrätin Katrin Alder, Gemeinderat Peter Künzle und Celia Hubmann, die alle in einer anderen Zeit, die von den 80er-Jahren bis in die heutige Zeit reicht, den Einwohnerrat präsidierten, erinnerten sich an «ellenlange Diskussionen» und an die Bänke, die so standen, als befände man sich in einem Schulzimmer.
«Das war eine Revolution»
Die fünf wünschten dem Einwohnerrat, dass er Bestand hat. «Schön, dass die Demokratie gefeiert wird – gerade in der jetzigen Zeit der Entdemokratisierung ist das wichtig», so Alder. Der Musikverein Herisau untermalte die Feierlichkeiten musikalisch, so auch am Schluss, als die Gäste an den Apéro entschwanden. Auch Merz mischte sich unter die Feiernden. «Für mich ist es etwas ganz Spezielles, dieses Jubiläum zu feiern. Was wir damals taten, war eigentlich eine Revolution, eine Neuorientierung in eine moderne Zeit», sagt Merz. Er würde es wieder gleich machen wie damals mit der Elfergruppe. «Das war damals eine moderne Form. Möchte man heute etwas verändern, sollte man das auch stets in organisierter Form und nicht allein tun», so Merz. Er attestiert dem Einwohnerrat, dass dieser sich stets der Zeit anpasst und eine gute Durchmischung der Mitglieder hat. «Der Rat vertritt das Volk wirklich gut», ist Merz überzeugt.
Stefanie Rohner