06.08.2025 09:00
Bei den Schweizer Meisterinnen angekommen
Géraldine Ess spielt neu für die BSC Young Boys Frauen
Nach sieben Jahren im Dress des FC St.Gallen wechselte Géraldine Ess im letzten Sommer zu GC. Mit den Zürcherinnen erreichte die 23-Jährige den Playoff-Final, der erst im Elfmeterschiessen zugunsten der Bernerinnen entschieden wurde. Zwei Monate später zieht es die Medizinstudentin selbst in die Hauptstadt.
Fussball Im Playoff-Final zwischen YB und GC spielte Géraldine Ess eine entscheidende und letztlich unglückliche Rolle. Während sie im Hinspiel ihr Team in der 90. Minute zum Sieg schoss, unterlief ihr im Rückspiel im Elfmeterschiessen der entscheidende Fehlschuss. «Damals war ein Transfer zu YB noch überhaupt kein Thema. Die Anfrage kam erst vor einigen Wochen», stellt Ess klar. Für den Wechsel habe sie sich trotz der «unvergesslichen Playoff-Reise» mit GC, in der die Hoppers als Aussenseiterinnen Servette und Basel besiegten und YB an den Rand der Niederlage brachten, schnell entschieden. «Der Frauenfussball hat in Bern einen hohen Stellenwert. Es wurden bereits über 1'800 Saisonkarten abgesetzt, die YB Frauen spielen im Wankdorf. Zudem besteht mit YB die Möglichkeit, die Champions League Qualifikation zu spielen», erklärt die Herisauerin.
Den FC St.Gallen hatte Ess vor einem Jahr verlassen, um eine neue Herausforderung anzunehmen: «Ich kannte das Espenmoos wie meine Hosentasche. Nach sieben Jahren hatte ich Lust auf eine Veränderung.» In ihrer Zeit bei den Espen hat sich der Stellenwert des Frauenfussballs deutlich verbessert. «Zu Beginn haben wir im Gründenmoos vor 30 bis 50 Zuschauern gespielt, später kamen im Espenmoos an guten Tagen mal 300», erinnert sie sich einige Jahre zurück und zählt verschiedene Entwicklungsschritte auf: Waschservice, kostenlose Schuhe, Trikots mit den Namen drauf, Integration in den FC St.Gallen, medizinische Unterstützung und Partien im Kybunpark. Auch die Entwicklung der Liga beurteilt Ess positiv. Das Niveau werde stetig besser und die Clubs würden sich gegenseitig pushen. «Die Spitze ist in den letzten Jahren breiter geworden. Ich bin gespannt auf die Teams in dieser Saison», blickt Ess voraus auf die am Samstag, 23. August, beginnende Saison in der Women’s Super League. Für YB steht zum Start ein Auswärtsspiel auf dem Programm…und zwar gleich im Espenmoos.
EM-Euphorie und Tränen der Freude
Die Aufmerksamkeit für die heimische Liga dürfte dank der Frauen-EM in der Schweiz so gross wie noch nie sein. Ess erlebte den Grossanlass als Zuschauerin. «Ich verfolgte sechs Partien im Stadion, darunter alle drei Spiele im Kybunpark. Und mir liefen mehrfach die Tränen runter», erzählt sie. Dass sie die EM derart emotional berührte, erklärt die Ostschweizerin so: «Als Kind musste ich mich in der Schiedsrichtergarderobe oder im WC umziehen, weil es keinen Platz für die Mädchen gab. Und jetzt ist der Frauenfussball voll in der Gesellschaft angekommen.»
Obwohl sie sich nach Aufgeboten für die vorübergehend bestehende Schweizer U23-Nationalmannschaft im Vorfeld selbst leise Hoffnungen auf eine aktive Teilnahme machen durfte, habe sie während der EM nur Freude empfunden. «Es wäre schlecht, hätte ich mir im Vorfeld eines solchen Anlasses keine Hoffnungen gemacht. Aber nach einer schwierigen Saison mit meiner Verletzungsgeschichte war es ziemlich klar, dass es nicht reichen würde», erzählt Ess. An der EM habe sie als Zuschauerin grosse Euphorie für das fantastische Turnier verspürt.
Medizinstudium und Spitzenfussball
Zu einer gelungenen EM trug auch der erstmalige Viertelfinaleinzug des Schweizer Nationalteams bei. Den Viertelfinal verfolgte Ess auf der Tribüne ihres zukünftigen Heimstadions. Der Grossteil der Schweizer Nationalspielerinnen spielt in ausländischen Ligen, viele konzentrieren sich inzwischen voll auf den Fussball. «Für mich war es nicht wie bei anderen bereits als Kind ein Traum, einmal im Ausland Fussball zu spielen. Aber seit einigen Jahren habe ich die Möglichkeit auch irgendwo im Hinterkopf. Doch aktuell gilt mein Fokus allein YB», sagt die Stürmerin. Ausserdem brauche sie einen Ausgleich für den Kopf. «Allerdings waren die ersten Semester mit Medizinstudium und Spitzenfussball gleichzeitig schon sehr hart. Das ging an die Substanz», erzählt Ess. Deshalb habe sie im Winter entschieden, das sechste Semester auf ein ganzes Jahr auszudehnen. Ob sie danach das Studium pausieren wird, um voll auf den Fussball zu setzen, weiss die Herisauerin noch nicht: «Nach dem Bachelor bestünde diese Möglichkeit, aber das werde ich erst entscheiden, wenn es so weit ist.»
Die Anfänge beim FC Herisau
Klar ist hingegen, dass Ess auch weiterhin gelegentlich in Herisau im Wohnort ihrer Eltern anzutreffen sein wird. Hier im Garten wurde der Grundstein für ihre Fussballkarriere gelegt. «Ich habe oft mit meinem Bruder Fussball gespielt», erinnert sich Ess, die schon als Kind äusserst aktiv war. «Fechten, Reiten, Tennis, Tanzen, Geräteturnen, Klavier, Blauring. Ich habe alles ausprobiert. Dann wollte ich auch noch in den Fussballclub und durfte glücklicherweise auch das», erzählt sie. So trat sie als Achtjährige dem FC Herisau bei, für den sie fünf Jahre spielte, bevor sie als erstes Mädchen überhaupt in St.Gallen in die Nachwuchsförderung Future Champs Ostschweiz aufgenommen wurde. Zehn Jahre später ist sie bei den Schweizer Meisterinnen angekommen.
Von Tobias Baumann