Cupsieger 2026 – aber über dem Erfolg hängt ein dunkler Schatten
Der FC St. Gallen gewinnt den Cup. Nach dem Sieg äusserte sich Hüppi kryptisch. Nun ist klar: es brennt gewaltig im Verwaltungsrat.
Der FC St. Gallen gewinnt den Cup. Nach dem Sieg äusserte sich Hüppi kryptisch. Nun ist klar: es brennt gewaltig im Verwaltungsrat.
FC St. Gallen Der Pfingstsonntag geht in der Gallusstadt als Erlösungstag in die Geschichte ein. Der FC St. Gallen gewann gegen Stade Lausanne-Ouchy den Cupfinal. Der Club, der sich über die letzten Jahrzehnte gegen den FC Lugano, den FC Luzern, gegen Lausanne und auch gegen die Berner Young Boys im Finale geschlagen geben musste, stemmte nach 57 Jahren wieder die Sandoz-Trophäe in die Höhe. Erst zum zweiten Mal überhaupt. Um 16 Uhr war die Erlösung Tatsache. Auf dem St. Galler Marktplatz taumelte man zwischen Bierduschen, Freudentränen und Erleichterung. Dieser Sieg war mehr als ein Pokalgewinn. Er war die Befreiung eines Vereins von seiner eigenen Geschichte.
Immer wieder schwenkten die TV-Kameras während des Spiels zu Präsident Matthias Hüppi. Kaum jemand fieberte sichtbarer mit. Kaum jemand wollte diesen «Chübel» dringender gewinnen. Beim Schlusspfiff fiel die Last aus seinem Gesicht. Er wirkte erfüllt. Glücklich. Müde. Vor allem aber erleichtert. Und dann sprach er.
Nicht nur über den Cup. Nicht nur über den Triumph. Nicht nur über die Fans, die Spieler oder die Stadt. Hüppi sprach über Machtkämpfe. «Ultraharte Wochen und Monate» habe er hinter sich. «Verschiedene Kräfte» würden im Club wirken. Seine Aufgabe sei es gewesen, «Schaden vom Club fernzuhalten». Und weiter sagte er, es gebe «Tendenzen», die man «in dieser Form nicht akzeptieren werde». Für einen Moment war der Cupfinal vergessen. Über den Bildern der jubelnden Mannschaft lag plötzlich ein dunkler Schatten.
Hüppi ist ein präziser Kommunikator. Einer, der weiss, wann ein Satz sitzt und wann ein Halbsatz mehr Wirkung entfaltet als eine ganze Erklärung. Seine Worte waren kein emotionaler Ausrutscher. Sie waren eine Botschaft. Adressiert an jene, die sie verstehen sollten.
Gerade deshalb ist der Zeitpunkt bemerkenswert. Wer unmittelbar nach dem grössten Erfolg seit Jahrzehnten von internen Fronten spricht, der will etwas markieren. Vielleicht war es taktisch klug. Vielleicht war es ein kalkulierter Befreiungsschlag. Vielleicht auch der Versuch, die Deutungshoheit zu sichern, bevor andere sie übernehmen. Denn hinter den Kulissen rumort es längst.
Seit vergangenem Herbst sitzt mit Patrick Thoma erstmals ein Vertreter der Grossaktionäre im Verwaltungsrat. Was wie eine gewöhnliche Strukturfrage wirkt, gilt beim FC St. Gallen als Tabubruch. Unter Matthias Hüppi galt jahrelang ein ungeschriebenes Gesetz. Aktionariat und operative Führung sollten getrennt bleiben. Im Verwaltungsrat sprach man damals gar davon, eine Vermischung dieser Ebenen sei «Gift für einen Verein». Nun sitzt genau ein solcher Vertreter am Tisch. Aber das ist noch nicht alles.
Wie das «Tagblatt» Montagnacht schreibt, scheiden die Verwaltungsräte Peter Germann, Patrick Gründler, Christoph Hammer und Benedikt Würth per 30. Juni ausser-ordentlich aus dem Verwaltungsrat des FC St. Gallen aus. Laut der Tageszeitung sollen Marwin Hitz (Sport), Urs Baumer (Finanzen), Martina Wüthrich (Rechtliches) und Stefan Kölliker (Politik) per 1. Juli im Verwaltungsrat Einsitz nehmen. An einer ausserordentlichen Generalversammlung sollen sie gewählt werden. Patrick Thoma bleibt weiter im Verwaltungsrat.
Doch damit immer noch nicht genug. Weiter wird gar darüber gesprochen, dass der ehemalige SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker der neue Präsident des FC St. Gallen werden wird. Dies soll der Plan des Aktionariats sein.
Seit dem Cupsieg überschlagen sich die Ereignisse. Eigentlich sollte man in der Gallusstadt, beim Verein und gerade auch in der Führungsetage den riesigen Erfolg feiern. Gerade Hüppi, der mit Herz und Seele für diesen Verein einsteht, sollte sich darüber freuen können. Doch diese Freude wurde ihm genommen. Nicht von den Fans, nicht vom Team, aber von den Clubaktionären. Nachdem Germann, Gründler, Hammer und Würth aus dem Verwaltungsrat ausscheiden werden, bleibt die Frage: tut sich Hüppi dies weiter an? Wie hervorgeht soll Hüppi zwar ein Angebot für die Weiterführung des Amtes als Präsidenten haben, ist darauf aber bis dato nicht eingegangen.
Seit publik wurde, welcher Machtkampf innerhalb des Vereins herrscht, sind auch die Fans ausser sich. Auf dem Forum des FC St. Gallen ist keine Freude über den Wechsel im Verwaltungsrat zu vernehmen. Dafür aber dürfte Hüppi enormen Rückhalt spüren. Ein Fan schreibt: «Wie unfassbar respektlos hier mit dem VR um Hüppi umgegangen wird, ist zum Kotzen!» Der FCSG sei dank genau diesem VR endlich zur nationalen Spitze geworden. «Wie viele positive und geile Dinge in und um den Verein in den letzten Jahren entstanden sind und jetzt wollen diese Vollpfosten um Thoma alles kaputt machen.»
Ein anderer Fan ist gar dabei, aufgrund der Ereignisse das Saisonabonnement zurückzugeben. «Die Saisonkarte ist leider schon bezahlt. Aber das rückgängig zu machen, wird morgen erste Priorität haben», schreibt der Fan. Gleichzeitig ruft er dazu auf, gemeinsam erneut auf den Marktplatz zu gehen. «Lasst uns den Marktplatz aufs Neue füllen, um Thoma unsere Meinung unüberhörbar durchzugeben und das Kölliker-Präsidium zu verhindern!» Man solle gemeinsam Hüppi unterstützen, um ihm so zu zeigen, dass sein Einsatz und der von allen Unterstützern nicht für nichts war. «Lasst uns alle gemeinsam demonstrieren, dass die grün-weisse Euphorie sich nicht von Machtspielchen auseinanderreissen lässt. Und lasst und beweisen, dass wir uns den FCSG nicht ohne – friedliche aber mühsame – Gegenwehr nehmen lassen!» Doch schon bevor der Knall an die Öffentlichkeit kam, meldeten sich die Fans. Im Wankdorf hing ein Transparent: «Hinder dem Triumph stönd die Richtige – danke Beni, Patrick G., Christoph, Peter und Matthias!» Der zweite Satz klang wie eine Kampfansage. «Wer die Entwicklung mit Füess treted und üsem Club kei Sorg treit, wird mit aller Chraft bekämpft.» Das nur ein Patrick in diesem Transparent aufgelistet und mit «G.» ausgezeichnet wurde, ist wohl kein Zufall. Später veröffentlichte die Fangruppierung «Eine für alli» ein langes Statement auf www.einefueralli.ch. Der Text liest sich wie eine Loyalitätserklärung an den bestehenden Verwaltungsrat. Gleichzeitig ist er eine Warnung an jene, die den Club über Beteiligungsverhältnisse neu ordnen wollen. Die Fans schreiben von «Machtverschiebungen», «persönlichen Interessen» und strukturellen Einflussnahmen. Sätze, die nicht zufällig entstanden sind.
Am Dienstagvormittag meldet sich dann gar der St. Galler Regierungsrat zu Wort. In einem Communniquè schreibt der Regierungsrat, dass der sportliche Erfolg und die positive gesellschaftliche Ausstrahlung des Clubs der Verdienst der gesamten Mannschaft sei. «Dieser Erfolg wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne die strategische Weitsicht, die Stabilität und das Engagement, welche die aktuelle Clubführung und der amtierende Verwaltungsrat über die vergangenen Jahre geleistet haben. Die unter Präsident Matthias Hüppi und seinem Verwaltungsrat aufgebauten Strukturen – sportlich, kulturell und institutionell – bilden das Fundament, auf dem dieser historische Titelgewinn entstanden ist», lässt sich der Regierungsrat zitieren. Mit anderen Worten: der Putschversuch wird auch vom Regierungsrat nicht goutiert. «Vor diesem Hintergrund verfolgt die Regierung des Kantons St. Gallen mit erheblicher Besorgnis die Berichte über interne Spannungen im Club.» Die Regierung sei der Auffassung, dass eine erzwungene Ablösung des Verwaltungsrats zum jetzigen Zeitpunkt – unmittelbar nach dem grössten sportlichen Erfolg seit Jahrzehnten – das verbindende Moment des Cupsiegs in Frage stellt. «Sie birgt das Risiko, das über Jahre aufgebaute Vertrauen in die Clubführung zu erschüttern, den Rückhalt bei Fans, Bevölkerung und Sponsoren zu gefährden und das Ansehen sowohl des Clubs nach innen und aussen zu beschädigen.»
Die Ereignisse rund um den FC St. Gallen entwickeln sich im hohen Tempo. Der vorliegende Artikel entspricht dem Informationsstand bei Redaktionsschluss am Dienstagmittag.
Von Marino Walser
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