Susanne Hartmann
erntet für Ihre Aussagen zum Autobahnausbau harsche Kritik.
Seit seiner Kindheit ist André Mégroz von Insekten fasziniert. Ob im Dschungel, in der Wüste oder in Gebirgen – überall, wo er Kerbtiere vermutet, zückt der St.Galler seine Kamera. So schiesst er zehntausende von Fotos pro Jahr und dokumentiert so die Wunderwelt der Insekten.
Leidenschaft In den frühen Morgenstunden, wenn die Sonnenstrahlen das Tau auf den Grashalmen zum Glitzern bringen, ist André Mégroz bereits unterwegs. Mit einer Olympus OM-D E-M1 II und einem 60mm Makroobjektiv bewaffnet, schleicht er vorsichtig durch das hohe Gras, stets auf der Suche nach den winzigen Kreaturen, die seinen Lebensinhalt ausmachen. Der 77-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Welt der Insekten in all ihren faszinierenden Facetten zu veranschaulichen.
Mitte Sechzigerjahre, als André Mégroz fünfzehn war, wurde er bei einem Besuch im Naturmuseum von der Leidenschaft für die Insekten gepackt. Er sammelte vor allem Käfer, präparierte diese, um sie in Schaukästen zu lagern. «Dieses Sammeln, Töten, Aufspiessen war für mich immer ein Kampf zwischen Begeisterung fürs Sammeln und Mitleid mit diesen kleinen, oft unscheinbaren und wehrlosen Wesen», erinnert sich Mégroz. Dieser Kampf dauerte bis in die 1990er Jahre, wo er Zeuge eines besonderen Ereignisses wurde: An einem Strand im bolivianischen Amazonasbecken beobachtete er unzählige Schmetterlinge. «Ich habe einen gefangen und ihn in ein Tötungsglas gesteckt» entsinnt sich der Fotograf. Kaum sei dies geschehen, hätten alle anderen Schmetterlinge die Flucht ergriffen, ganz so, als hätten sie die drohende Gefahr gespürt. Ein prägendes Erlebnis, war es doch Anlass genug, sein Verhalten zu verändern: «Seither töte ich keine Insekten mehr.» So wurde aus dem Sammler und Präparator von einst, der Fotograf von heute, dem es primär darum geht, die Artenvielfalt aufzuzeigen.
André Mégroz ist ein Entomologe. Ein Insektenforscher. Aber kein studierter. Bis zu seiner Frühpension mit 55 arbeitet er im Versicherungswesen. Heute hält er Vorträge, pflegt seine Webseite und engagiert sich aktiv für mehr Biodiversität und Naturschutz. Oft brütet er über seinen Aufnahmen, um ein spezielles Verhalten der Tiere zu erkennen. So hat er festgestellt, dass die geschlüpften Larven einer speziellen Blattwespe die Unterseite der Blätter von Christrosen abschaben, wenn sie dann aber grösser sind, fressen sie Löcher und zeigen sich auch auf der Blattoberseite. Mégroz Erklärung war simpel und einleuchtend: Die Christrose hat ein Gift, das die jungen Larven aufnehmen. Sobald sich genug Giftstoffe im Körper angesammelt haben, wagen sie sich auf die Blattoberseite, ohne zu riskieren, von Fressfeinden attackiert zu werden. Obwohl Wissenschaftler seine Theorie erst angezweifelt hatten, bestätigte sich seine Vermutung und sie mussten dem Hobbyforscher recht geben. «Für die Evolutionsbiologie ist diese Erkenntnis wichtig, zeigt sie doch, dass verschiedene Ordnungen, beispielsweise Schmetterlinge, und neu auch die Hautflügler zu gleichen Anpassungen in ihrer Abwehrstrategie kommen», ergänzt Mégroz.
Um Insekten zu fotografieren, reist Mégroz viel umher. Auf allen Kontinenten hat er die Sechsbeiner aufgespürt und auf Film gebannt. Mit der Zeit hat er ein Gespür für die Tiere entwickelt, so dass er weiss, wo sie sich verstecken, wie er sich ihnen annähern kann oder unter welchen Bedingungen eine Aufnahme gelingt. Meist sind es abenteuerliche Reisen: Bei einer Orinoco-Expedition ins Amazonasgebiet schlief er mehrere Wochen im Freien, war auf der Nachtpirsch und erlernte die Kunst, sich und seine Ausrüstung vor der hohen Luftfeuchtigkeit zu schützen. Voller Leidenschaft erzählt der Insektenforscher von seinen Erlebnissen rund um den Globus. Von den Käfertrophäen, die er unterwegs sammelte über den Stich eines Skorpions, den er für ein Filmteam in Namibia über sich ergehen liess, bis hin zu einem Erlebnis im Dschungel von Costa Rica, als er die Invasion von zehntausenden Wanderameisen miterlebte. Selbst auf 5000 Metern über Meer jagte er trotz Atemnot Insekten nach und strafte seinen Reiseführer Lügen, der behauptete, dass die Tiere auf dieser Höhe nicht überleben würden. Obwohl der St.Galler auf seinen Reisen nie bestohlen oder verletzt wurde, gab es heikle Situationen zu überstehen: Als er und seine Mitreisenden eine Strassensperre von schwer bewaffneten Strassenräubern überwinden mussten oder als ihr kleines Boot von Yanomamis wegen einer Stammesfehde gekapert, die Lebensmittel in den Fluss geworfen und sie ernsthaft bedroht wurden. «Und einmal mussten wir ein Päckchen zu einem Hotel liefern», sagt der 77-Jährige und ergänzt: «Nur durch einen glücklichen Zufall blieb dies folgenlos, denn das Päckchen enthielt Kokain.»
Unzählige Insekten hatte der St.Galler vor der Linse, entsprechend viele Aufnahmen nennt er seine liebsten. Und obwohl er sich einmal rund um die Erde fotografiert hat, gelang ihm die spektakulärste Aufnahme in seinem Garten im Osten der Stadt. Dort, versteckt unter der Lavendelheide, entdeckte Mégroz die «Stephanitis takeyai», eine aus Japan eingeschleppte Gitterwanze. «Zwar nicht als Erster weltweit, aber doch als Erster in der Schweiz», verrät der Entomologe. Schweizweit sind über 30'000 Insektenarten dokumentiert, wobei Experten von fast doppelt so vielen Arten ausgehen. Und von den rund 1000 Arten, die in seinem Garten leben, hat der 77-Jährige die meisten fotografiert. Es gibt aber auch Exemplare, die in seiner Sammlung fehlen: Beispielsweise die Fächerflügler, die zwischen 1.5 und 30 Millimeter gross sind. «Die von Pheromonen angelockten Männchen injizieren ihre Spermien direkt in den Hinterleib der Weibchen, worauf einige Hundert bis Tausend winzige mit Sprungborsten, Beinen und Augen entwickelte Larven entstehen, die in andere Insekten eindringen und diese parasitieren», erklärt der Experte und fügt hinzu: «Ein seltenes und überaus interessantes Verhalten.»
Viele Menschen mögen Insekten nicht wirklich: Wespen stören beim Essen, Ameisen laufen durch die Wohnung und Fliegen nerven sowieso. «Dabei sollten wir den kleinen Krabbeltieren dankbar sein», sagt Mégroz, «denn ohne sie wären wir ziemlich aufgeschmissen.» Insekten und ihre Larven sorgen dafür, dass unser Trinkwasser sauber bleibt. Viele Insekten sind in der Lage, sich erfolgreich gegen Viren und Bakterien zu schützen – ein Potenzial, das die medizinische Forschung langsam entdeckt. Und letztlich würde die Erntemenge ohne ihre Bestäubungsleistung massiv einbrechen. «Unsere Welt ist voller Insekten – ihre bunten Farben und die vielen verschiedenen Formen bringen mich immer noch zum Staunen», sagt Mégroz, «und obwohl die Kleinen in ihrem Aussehen unterschiedlich sind, haben sie alle den gleichen Bodymass-Index.» Während männliche Heuschrecken den Damen ihr Liebeslied vorsingen und der Schwalbenschwanz für seine Balzflüge über Bergkuppen und Hügel bekannt ist, besitzt jede Wanzenart ihre eigene Duftnote. «Über eine Million Insekten wurden bis heute beschrieben und mit einem wissenschaftlichen Namen versehen», weiss Mégroz, «aber trotzdem wissen wir nur sehr wenig über ihren Nutzen und Zweck.» Mit den Jahren hat der St.Galler aber mit Bestimmtheit eines gelernt: «Die Natur schafft nichts Unnützliches!» Umso tragischer sei es, dass durch intensive Landwirtschaft, Urbanisierung, Pestizide und den Klimawandel immer mehr Habitate für die Insekten verschwinden und als folge gehen die Bestände zurück, die Vielfalt schwindet und Arten sterben aus. «Umso wichtiger ist es, ihre Anmut, ihre Skurrilität und vor allem ihre Unersetzlichkeit aufzuzeigen», resümiert Mégroz, packt seine Kamer aus und fängt mit einem leisen Klicken das Bild der Libelle ein. Wieder einmal hat er die Schönheit eines winzigen Lebewesens eingefangen, die die meisten Menschen übersehen würden.
Von Benjamin Schmid
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