Fast zerstört – heute gefeiert: Das bewegte Schicksal des Gallusplatzes
Vom mittelalterlichen «Loch» zum Unesco-Schatz: Die erstaunliche Wandlung des Gallusplatzes, der sein ursprüngliches Gesicht behalten hat.
Der Gallusplatz mit der «Wetti» um 1790. Als im 19. Jahrhundert das Niederreissen von Gebäuden, auch der Stadttore, begann, welches sich bis in die Krisenjahre des 20. Jahrhunderts fortsetzte, wurde dieser Bereich glücklicherweise verschont. Bild: pd
Vom mittelalterlichen «Loch» zum Unesco-Schatz: Die erstaunliche Wandlung des Gallusplatzes, der sein ursprüngliches Gesicht behalten hat.
Zeitreise So konnte der Gallusplatz, als Denkmal altehrwürdiger Stadtbauweise, in die Gegenwart hineingerettet werden und gehört heute zur Pufferzone des Stiftsbezirkes, welcher seit 1983 zum Weltkulturerbe gehört. In verschiedenen Etappen wurde der Platz zur verkehrsberuhigten Zone in der Altstadt geschlagen.
Geburtsstätte der Stadt
Am Gallusplatz nahm die städtische Siedlungsentwicklung ihren Anfang. Unmittelbar vor den Klostermauern liessen sich vor allem Handwerker nieder. Die Namensgebung zu Ehren des Heiligen Gallus geht zurück auf einen gemeinderätlichen Beschluss von 1865, das Gebiet, das damals «Loch» geheissen hatte, fortan Gallusplatz zu nennen. Mit «Loch» oder «Im Loch» wurden übrigens weitere vier Gegenden in der heutigen Stadt St. Gallen bezeichnet.
Die letzten behutsamen Veränderungen des Platzes fanden 2012 statt mit der Umsetzung des Gestaltungs- und Nutzungskonzepts für die südliche Altstadt und der Sperrung für den Durchgangsverkehr. Bis in die 90er–Jahre war eine Südumfahrung der Altstadt geplant, die auch den Gallusplatz im südlichen Teil beeinträchtigt hätte. Das Projekt stiess immer mehr auf Ablehnung und Anwohnerinnen und Anwohner gründeten eine Aktionsgruppe. Das Projekt mit Untertunnelung des Dammquartiers wurde aufgegeben. Aus der Gruppe entwickelte sich der Quartierverein Gallusplatz, der auch für Veranstaltungen wie den beliebten Flohmarkt sorgt.
In der «St. Galler Schreibmappe» von 1927 ist die Rede von einer «malerischen Gruppe dicht ineinander geschachtelter Kleinhäuser mit einem bunten Gemengel von Dachflächen, Kaminen, Fenstern, Türen, Schuppen und Höfchen». Oder «vom rassigen Giebelbau des Hauses gleitet das Auge hinüber zu den vornehmen schlichten Fronten der Westseite, von hier weiter zum Sonnenhof mit dem zierlich spitzigen Erker, um dann bewundernd an der steilen Wand des Othmarchors haften zu bleiben, bis der Blick schliesslich, dem aristokratischen Klosterbau folgend, wieder zur Einmündung der St. Georgen-Strasse zurückkehrt.»
Mittelalterliche Bausubstanz
Das Haus zur Linde (Gallusstrasse 29) ist ein giebelständiger Fachwerkbau, der 1576 oder 1577 durch Aufstockung und zur Zusammenfassung von zwei Bohlenständerbauten aus dem 15. Jahrhundert entstanden ist. Die Nummer 30 enthält einen viereckigen Holzerker mit knorpelhaft wuchernden Voluten, datiert 1672. Das Haus zur Wahrheit (Nummer 32) weist ein korbbogiges Portal von 1615 auf und ist mit schlichten Holzerkern aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts versehen. Die Jägerei (Nummer 34) weist im Kern einen mittelalterlichen Wohnturm auf. Der Erker stammt von 1576. Das Haus zum Ölblatt (Nummer 37) ist ein mittelalterlicher Fachwerkbau aus dem 15. Jahrhundert und wurde im 16. Jahrhundert geteilt und aufgestockt. Auf dem Gallusplatz steht nicht nur die vielzitierte Linde, sondern auch der stattliche Gallusbrunnen mit der 1936 geschaffenen Figur des Stadtpatrons von Rudolf Seitter.
Emsiges Marktgeschehen
Früher herrschte dort nicht nur wie jetzt namentlich vor Weihnachten, sondern auch das ganze Jahr hindurch jeweils samstags ein emsiges Marktgeschehen. Die Stände, an denen Strümpfe, Leibchen, Unterhosen und Haarbändel feilgeboten wurden, befanden sich auf der Gallusstrasse. Der Gallusplatz selbst war den Lebensmitteln vorbehalten. Als einzigartigste Attraktion dieses Wochenmarktes wurde in der «St. Galler Schreibmappe» von 1927 der Hühner- und Kaninchenmarkt bezeichnet: «Dass es bei diesem Handelsgeschäft gelegentlich eine fröhliche Jagd nach einem entsprungenen Federvieh absetzt, an der sich sogar die löbliche Polizei beteiligt, ist sehr vergnüglich. Den verkauften Suppenhühnern und Bratengüggeli wird eine sofortige schmerzlose Exekution gewährt. In einem Zelthäuschen werden sie mit der bewährten Guillotine vom Leben zum Tod geführt. Der Scharfrichter der guten alten Zeit lebt auf dem Gallusplatz in etwas gemilderter Form weiter. Welche Sehenswürdigkeit!»
Wetti – ein Wasserspeicher
Im südlichsten Bereich des Platzes bestand im Mittelalter die Wetti, ein 30 Meter langer Wasserspeicher, in welchem man das Wasser staute, bevor es in die Stadtbäche zum Wegschwemmen des Unrates geleitet wurde. Daneben diente die Wetti auch als Badeplatz für die Pferde, die sich nach getaner Schwerarbeit in der »Pferdeschwemme» erholen durften. Der Kanal von der Steinach zur Wetti wurde schon 1384 geschaffen. Von hier aus sorgte er auch für Wasser an St. Laurenzen vorbei zur Spisertormühle. Das Wasser gelangte bis zum Bohl hinab, wo es der umgeleitete Irabach aufnahm und durch den Burggraben wieder der Steinach zuführte. Dieses Abwassersystem blieb teilweise bis zum Ende des 19.Jahrhunderts bestehen, als die Errichtung der Schwemmkanalisation beschlossen wurde.
Quellennachweise: Für diesen Artikel wurden vor allem die Publikationen «St. Galler Schreibmappe 1927», «Geschichte der Stadt St. Gallen» von Ernst Ehrenzeller, «Geschichte der Kanalisation und der Abwasserreinigung der Stadt St. Gallen» und «Kunst- und Kulturführer Kanton St. Gallen» von Daniel Studer verwendet.
Von Franz Welte
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