Nach Schätzungen der Stadtpolizei handle es sich aktuell um rund zehn Personen, die in der Stadt St.Gallen regelmässig draussen übernachten.
30.08.2025 14:00
Obdachlosen-Problematik könnte sich weiter zuspitzen
Stadt und Polizei bestätigen Zunahme an obdachlosen Personen
Das Pilotprojekt «Plan W» der Stiftung Suchthilfe St.Gallen, das seit Anfang 2024 drohende Obdachlosigkeit abwendet, läuft Ende August aus. Bisher fehlt eine Anschlussfinanzierung. Stadt, Polizei und Fachleute befürchten steigende Zahlen von Obdachlosen und langfristig höhere Kosten.
Obdachlosigkeit Seit 2024 unterstützt «Plan W» Menschen in schwierigen Wohnsituationen, um Obdachlosigkeit zu verhindern. Das niederschwellige Angebot richtet sich an Personen, die aufgrund von finanziellen Engpässen, steigenden Mieten oder gesundheitlichen Problemen ihre Wohnung verlieren könnten. Regine Rust, Geschäftsleiterin der Stiftung Suchthilfe St.Gallen, warnt, dass mit dem Ende von «Plan W» eine wichtige Anlaufstelle wegfallen würde. Bisher konnten mithilfe des Projekts viele Fälle von drohender Wohnungslosigkeit gelöst werden. Für die Weiterführung wären rund 120'000 Franken pro Jahr notwendig. Trotz intensiver Suche nach Geldgebern gestaltet sich die Finanzierung schwierig. Stadt und Kanton haben bislang keine zusätzlichen Mittel zugesagt. Sollte das Projekt nicht verlängert werden, drohen langfristig höhere Folgekosten, etwa durch Unterbringung in Notunterkünften oder durch gesundheitliche und soziale Folgeschäden.
Wohnungsnot verschärft die Lage
Die Lage ist angespannt. Laut Sonja Lüthi, Stadträtin und Vorsteherin der Direktion Soziales und Sicherheit, ist der Zugang zu bezahlbarem und geeignetem Wohnraum für viele Armutsbetroffene wie auch generell für Personen in prekären Lebensumständen zunehmend herausfordernd: «Steigende Mietpreise, sinkende Leerstände, Diskriminierung, Kautionshürden sowie häufig prekäre Wohnsituationen erschweren die soziale und berufliche Integration.» Die Stadt beobachtet die Lage gemeinsam mit Stadtpolizei, Sozialen Diensten und weiteren Fachstellen. Neben dem Projekt «Plan W» gibt es eine Unterkunft für Obdachlose, die jedoch nur für Personen mit Unterstützungswohnsitz in St.Gallen zugänglich ist. Auch dort zeigt sich eine steigende Auslastung. Für Lüthi ist klar: Auch ohne «Plan W» sollen Betroffene weiter unterstützt werden. «Die Sozialen Dienste übernehmen das Case Management, beraten Betroffene und vermitteln in Zusammenarbeit mit Vermietenden, Institutionen oder Fachstellen geeigneten Wohnraum», so Lüthi. Derzeit hat die Stadt über hundert Wohnungen angemietet, die an sozialhilfebeziehende Personen untervermietet werden. Dennoch sei die Situation schwierig. «Die Wohnfähigkeit ist bei vielen Obdachlosen nur noch eingeschränkt vorhanden, was das Wohnen in den eigenen vier Wänden erheblich erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht», sagt Lüthi.
Stadtpolizei verzeichnet mehr Obdachlose
Auch die Polizei bestätigt die Entwicklung. Roman Kohler, Leiter Kommunikation der Stadtpolizei St.Gallen, sagt: «Wir stellen eine Zunahme von obdachlosen Personen im öffentlichen Raum fest. Diese Entwicklung zeigt sich insbesondere an Standorten, die sich für eine Übernachtung anbieten – zum Beispiel in Parkgaragen, WC-Anlagen oder Pärken.» Nach Schätzungen handle es sich aktuell um rund zehn Personen, die in der Stadt St.Gallen regelmässig draussen übernachten. Laut Aussagen der Stiftung Suchthilfe könnte die Dunkelziffer jedoch weit höher liegen. Sicherheitsrelevante Probleme sind laut Stadtpolizei vorhanden, aber begrenzt. «Im Umfeld von Obdachlosigkeit kommt es vereinzelt zu sicherheitsrelevanten Vorkommnissen, insbesondere im Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenkonsum sowie Auseinandersetzungen zwischen einzelnen suchtkranken Personen», so Kohler. Eine massive Zunahme von Gewaltdelikten sei jedoch nicht festzustellen. Für die Zukunft warnt Kohler vor zusätzlichem Druck, denn ein Anstieg obdachloser Personen würde für Stadt und Stadtpolizei zusätzliche Herausforderungen mit sich bringen. «Dazu gehören eine stärkere Beanspruchung des öffentlichen Raums sowie ein erhöhtes Konfliktpotenzial. Zudem könnte eine sichtbare Zunahme von Obdachlosen das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung beeinträchtigen und zu mehr Beschwerden führen», so Kohler. Die Stadt arbeitet parallel an einer nachhaltigen Lösung. Unter Federführung der Sozialen Dienste entsteht derzeit ein Konzept, das armutsbetroffene Menschen gezielt unterstützen soll. Es orientiert sich an der städtischen Wohnraumstrategie und hat das Ziel, Handlungsmöglichkeiten auszubauen, Wohnraum zu sichern und neue Angebote zu schaffen. Doch bis diese Massnahmen greifen, könnte eine Versorgungslücke entstehen, wenn «Plan W» endet.
Selim Jung