Karin Jung
verlässt das Amt für Wirtschaft und Arbeit nach sieben Jahren.
Egal wie das Wetter ist - im Wald gibt es für die Kinder viel zu entdecken.
Im Waldkindergarten Wittenbach gibt es keine Wände, keine klassischen Schulbänke – stattdessen Bäume, Moos und jede Menge Platz für Fantasie. Lehrperson Jana Gautschi erzählt, wie Kinder dort lernen, forschen und ihre Umwelt erleben.
Bildung Der Wind rauscht durch die Baumwipfel, während die Kinder lachend den Hang hinunterrutschen. Ein paar Meter weiter hocken zwei von ihnen am Bach, stauen das Wasser mit Ästen und Steinen. «Lueged mol, wie schnell das flüsst!», ruft Casidy (5) begeistert. In der Nähe stehen zwei Erwachsene, beobachten aufmerksam die Szenerie. «Unser Standort ist super», sagt eine der Lehrpersonen. «Wenn ein Sturm aufzieht, sind wir in wenigen Minuten beim Steigschulhaus.» Unter einer grossen Buche liegt eine Kiste voller kleiner Schätze: Von Lupen und Feldstechern über Sachbücher und Hängematten bis hin zu Schaufeln, Sägen und Seilen – alles was es für grosse Entdeckungen braucht. Daneben hat es warme und trockene Ersatzkleider. «So viel wie nötig – so wenig wie möglich», erklärt Gautschi. «Die Natur gibt uns alles, was wir brauchen.» Plötzlich ruft Gabriel (5) aufgeregt: «Spure im Schlamm!» Sofort bilden die Kinder einen Kreis. «Vo wem?», fragt Fetah (6). Sie vergleichen die Abdrücke mit Bildern aus einem Naturbuch. Vielleicht ein Reh? Ein Dachs? Oder ein Fuchs?
Während in den meisten Kindergärten drinnen gemalt, gebastelt und gespielt wird, findet in Wittenbach das Lernen mitten im Wald statt. Der Waldkindergarten ist ein fester Bestandteil der Primarschule Wittenbach und setzt auf eine naturnahe Bildung. «Wir haben den gleichen Lehrplan wie die Hauskindergärten, setzen ihn aber draussen um», so Gautschi. Die Natur gibt dabei den Rhythmus vor: «Wenn ein Kind frische Eichhörnchen-Spuren entdeckt oder wir Froschlaich in einem Tümpel finden, dann wird das spontan ins Lernen integriert.» Die Idee für den Waldkindergarten entstand als Teil der Schulentwicklungsvision. Seit 2021 gehört das Konzept fest zum Angebot der Gemeinde. Die Entscheidung des Gemeinderats (Anfang 2025), den Waldkindergarten als festes Angebot zu verankern, war für das Team ein grosser Erfolg. «Es war eine freudige Nachricht und gibt uns Planungssicherheit für die Zukunft.»
Ein typischer Tag im Waldkindergarten beginnt mit einem kleinen Theaterstück. «Wir greifen aktuelle Geschehnisse aus dem Wald auf – ob ein Eichhörnchen Vorräte sammelt, ein Wetterphänomen auftritt oder soziale Themen im Vordergrund stehen», beschreibt Gautschi. Danach folgt eine Entdeckungsreise: Die Kinder beobachten, forschen, spielen und lassen sich von der Natur inspirieren. «Mir machts bsundrigs Spass, dass mir do chönd Versteckis spiele», erzählt Matteo (6). Timeo (6) ergänzt: «Am meiste gfallt mir, dass ich mit mine Fründe spiele chan und mit ihne chan go chlettere.» Die Umwelt und das Wetter sind ein zentrales Thema. «Regen, Schnee, Sonne, Nebel – für die Kinder gibt es kein ‚schlechtes Wetter‘, sondern einfach verschiedene Bedingungen, die alle ihre Reize haben», so Gautschi. Der Regen macht die Rutschbahn schlammig, Schnee lädt zum Schlitteln ein, Sonne zum Bachwandern. Die Kinder nehmen das mit Begeisterung an: «Am liebste hani Rege, denn cha me d'Schlammrutschi go aberutsche», erzählt Mona (6). Alessia (4) fügt hinzu: «Gmüetlich im Schlamm lige chani nöd im Hus-Chindsgi, do scho.» Im Wald sei ein spontanes, lebendiges Lernen – die Kinder erleben den Wald mit allen Sinnen und lernen instinktiv, sich auf ihre Umgebung einzulassen. «Sie fühlen den Wind, spüren das Moos und hören das Rascheln der Blätter», so Gautschi.
Die Natur bietet unendlich viele Spielmöglichkeiten. «Uf Bäum chlettere cha me nur do im Wald», sagt Kai (6). «Baumfangis oder Bachwanderig chönd mir nur do mache», ergänzt Viktoria (6). Die Waldumgebung fördert nicht nur Fantasie, sondern auch soziale Kompetenzen. «Die Kinder sind stark aufeinander angewiesen», erklärt Gautschi. «Sie helfen einander beim Klettern, trösten sich, wenn ein Gspänli stürzt, und lernen, Verantwortung zu übernehmen.» Das zeigt sich auch in den Reaktionen der Kinder: «D’Waldchind sind e so igspielti Klasse», bemerkt Leylani (6). «Mir lueged so guet ufenand.» Das Konzept des Waldkindergartens geht über das Lernen hinaus. «Wir wollen den Kindern nicht nur Wissen vermitteln, sondern sie auch in ihrer Selbstständigkeit bestärken», sagt Gautschi. «Hilf mir, es selbst zu tun» – dieser Montessori-Grundsatz sei im Wald allgegenwärtig. Die Kinder sehen das genauso: «Mir gfallts, dass mir sälber Sache entdecke chönd», sagt Bodo (6). Alexi (4) meint: «Ich finds gut, dass mir ein Sternlein-Guck-Platz und e Waldgarderobe hend.» Der Unterricht im Wald stärkt nicht nur das Umweltbewusstsein, sondern auch die Selbstständigkeit der Kinder.
Natürlich gibt es auch Herausforderungen. «Das Wetter erfordert Flexibilität. Bei starkem Regen oder Sturm haben wir die Möglichkeit, eine alte Wohnung über dem Kindergarten Steig als Rückzugsort zu nutzen.» Auch die Öffentlichkeit des Waldes sei ein Thema. Manchmal werden die Werke der Kinder auch zerstört oder die Leute hinterlassen Müll. Dennoch überwiegen die positiven Aspekte. «Die Eltern sagen oft, dass ihre Kinder ausgeglichener und glücklicher sind, seit sie den Waldkindergarten besuchen», erzählt Gautschi. Eine Mutter sei überzeugt, dass es die beste Entscheidung gewesen sei, die sie für ihr Kind treffen konnten. Für die Zukunft gibt es grosse Pläne. «Wir möchten das Konzept ausbauen, damit Kinder bis zur zweiten Klasse im Wald unterrichtet werden können», so Gautschi. Sie und ihre Berufskolleginnen arbeiten täglich daran, den Eltern aufzuzeigen, welche Chancen und Möglichkeiten im Waldkindergarten auf die Kinder warten. «Nach nicht einmal zwei Jahren gibt es kaum Stellen im Wald, die nicht mit Geschichten und Erinnerungen verbunden sind», sagt Gautschi. «Das ist unbezahlbar und würde ich für nichts mehr eintauschen wollen.»
Benjamin Schmid
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