Altersgerechtes Wohnen: Kanton St.Gallen unter Druck
Ehemaliger Gossauer Stadtparlamentarier warnt vor Mangel an altersgerechtem Wohnraum
Von Selim Jung
Düstere Aussicht: Bis 2040 fehlen in der Schweiz fast 400'000 altersgerechte Wohnungen.
Von Selim Jung
Wohnungsmarkt Gemäss einer Studie des Immobilienbewerters Wüest Partner wird die Zahl der über 65-Jährigen in der Schweiz bis ins Jahr 2040 von heute 1,73 Millionen auf 2,38 Millionen Personen steigen – ein Zuwachs von über einem Drittel innerhalb von nur 15 Jahren. Um diesen Bedarf zu decken, müssten bis 2040 schweizweit rund 393'000 zusätzliche altersgerechte Wohnungen entstehen.
Das Problem zeigt sich bereits heute: Das Angebot an kleinen Mietwohnungen mit zwei bis dreieinhalb Zimmern – jener Wohnungsgrösse, die für ältere Menschen besonders gefragt ist – ist in den letzten vier Jahren um 40 Prozent gesunken. Gleichzeitig treiben höhere Baukosten die Mieten zusätzlich in die Höhe. Mehr als die Hälfte der alleinstehenden Seniorinnen und Senioren gibt laut der Studie bereits heute über einen Drittel ihres Einkommens für Wohnkosten aus.
Florian Kobler beschäftigt dieses Thema schon seit Jahren. «Wohnen wird in der Schweiz immer teurer. Bereits heute gehören die Wohnkosten zu den grössten Ausgabeposten im Haushalt», sagt er. Eine kürzlich publizierte Umfrage des Mieterinnen- und Mieterverbandes habe gezeigt, dass 40 Prozent der Befragten mehr als 30 Prozent ihres Haushaltseinkommens für die Miete aufwenden müssen. «Ältere Menschen sind davon besonders stark betroffen. Sie haben im Durchschnitt tiefere Einkommen als Erwerbstätige und sind auf altersgerechte Wohnungen angewiesen – von denen es viel zu wenige auf dem Markt gibt», so Kobler.
Den entscheidenden Anstoss zur Einreichung der Interpellation gaben neben den Zahlen auch persönliche Begegnungen. In den vergangenen Wochen habe Kobler wiederholt mit älteren Menschen gesprochen, die ihm von erheblichen Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche berichtet hätten. Besonders betroffen hätten ihn die Schilderungen von Menschen, die von sogenannten Leerkündigungen betroffen seien. «Die vollständige Entmietung ganzer Wohnhäuser zwecks Sanierung oder Ersatzneubau nimmt schweizweit zu. Besonders hart ist das für ältere Menschen, die manchmal seit Jahrzehnten in günstigen Mietverhältnissen wohnen und eine starke emotionale Bindung an die Wohnung und an ihr soziales Umfeld haben», erklärt Kobler.
Die Folgen einer übermässigen Wohnkostenbelastung seien weitreichend. Viele Seniorinnen und Senioren hätten nach der Mietzahlung deutlich weniger Geld für Grundbedürfnisse wie Lebensmittel, Gesundheit oder Mobilität übrig, was ihr Armutsrisiko erhöhe. «Dadurch müssen sie häufiger auf soziale Aktivitäten verzichten, was die Gefahr von Einsamkeit verstärkt. Die Folgen können eine gesundheitliche Verschlechterung sein, auch das Risiko eines früheren Heimeintritts besteht», so Kobler. Auch in Gossau sei die Lage angespannt: Es gebe eindeutig zu wenig altersgerechte, bezahlbare Wohnungen – bei einer gleichzeitig wachsenden Zahl älterer Einwohnerinnen und Einwohner.
Mit seiner Interpellation beim Kantonsrat St.Gallen stellt Kobler der Regierung sieben konkrete Fragen – unter anderem dazu, wie sie den aktuellen und künftigen Bedarf an altersgerechten Wohnungen einschätzt, welche Förderprogramme geplant sind und welche Rolle sie den Gemeinden sowie öffentlich-rechtlichen Institutionen dabei beimisst. Der kantonale Bericht «Gestaltungsprinzipien der Alterspolitik» hält im Gestaltungsfeld «Wohnen und Sozialraum» fest, dass eine bedarfsgerechte Wohnumgebung zentral für die Lebensqualität im Alter sei. Kobler sieht die Realität jedoch weit hinter diesen Zielen zurückbleiben und erwartet handfeste Ergebnisse: «Ich erwarte, dass die öffentliche Hand konkrete Massnahmen, Förderprogramme und Kooperationen, insbesondere mit gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften, vorantreibt.» Diese arbeiteten nach dem Prinzip der Kostenmiete – der Mietzins richte sich ausschliesslich nach den tatsächlichen Kosten, sei also weder überhöht noch spekulativ.
Darüber hinaus fordert Kobler, dass öffentlich-rechtliche Anstalten wie die St.Galler Pensionskasse oder die Gebäudeversicherung ihren Immobilienbestand gezielt einsetzen sollten, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. «Statt auf maximale Rendite zu setzen, können sie Kostenmieten anbieten und Neubauten sowie Sanierungen konsequent altersgerecht und sozial verträglich gestalten.» Durch die Abgabe von Grundstücken im Baurecht an gemeinnützige Wohnbaugenossenschaften könnten dauerhaft tiefe Mieten ermöglicht werden.
Auch das Thema Leerkündigungen müsse politisch angegangen werden. Der Kanton solle ein systematisches Monitoring einführen, vorhandene Gemeindedaten zentral bündeln und die sozioökonomischen Auswirkungen analysieren. Gemeinden sollten zudem rechtliche Instrumente wie Bewilligungspflichten, befristete Mietzinsbegrenzungen oder Einschränkungen bei Umwandlungen in Stockwerkeigentum prüfen können.
Kobler betont, dass das Thema nicht nur eine soziale, sondern ebenso eine finanzpolitische Dimension habe. «Jeder unnötig frühe Heimeintritt verursacht für die öffentliche Hand massiv höhere Kosten als ein gutes, bezahlbares Wohnen mit ambulanter Unterstützung.» Prävention sei nicht nur sozial sinnvoll, sondern auch ökonomisch weit günstiger. «Wer bezahlbaren Wohnraum sichert, spart langfristig Steuergelder. Gute Wohnpolitik ist somit gleichzeitig Sozialpolitik und solide Finanzpolitik», so Kobler. Sein Fazit fällt unmissverständlich aus: «Untätigkeit wäre teuer, menschlich wie finanziell, und verschärft die Ungleichheit im Kanton.»
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