17.05.2025 12:00
Stipendium ebnet den Weg nach Oxford
Clara Ehrenzeller über ihre Leidenschaft für Medizin, Forschung und Gesundheitspolitik
Clara Ehrenzeller hat das Exzellenzstipendium der Werner Siemens-Stiftung erhalten – eine prestigeträchtige Auszeichnung, die ihr den Weg für einen Doktorgrad (PhD) an der Universität Oxford ebnet. Im Gespräch erzählt sie, was sie antreibt, warum sie sich für die Augenheilkunde entschieden hat und wie sie Forschung, Engagement und ihr Privatleben in Einklang bringt.
Forschung Als Clara Ehrenzeller erfuhr, dass sie das Exzellenzstipendium der Werner Siemens-Stiftung erhält, war ihre Freude riesig. «Diese Anerkennung hat mich unglaublich motiviert, weiter in die Forschung zu gehen», sagt die Medizinstudentin. Das Exzellenzstipendium, das mit 19’800 Franken dotiert ist, spielt für Ehrenzellers nächsten Karriereschritt eine wichtige Rolle. «Für meine Bewerbung an der Universität Oxford musste ich nachweisen, dass ich Drittmittel mitbringen kann. Das Stipendium hat mir geholfen, weitere finanzielle Mittel zu erhalten», erklärt sie. Geplant ist, dass das Stipendium einen Teil der Studiengebühren sowie Lebenshaltungskosten in Oxford deckt. Doch Ehrenzeller sieht die Förderung nicht nur als persönliche Chance, sondern auch als Verpflichtung. «Das Stipendium ist mit der Erwartung verbunden, die MINT-Bereiche – in meinem Fall die Medizin – nach aussen zu vermitteln», betont sie. «Mit meinem Engagement, unter anderem in der Gesundheitspolitik, versuche ich, dieser Verantwortung gerecht zu werden.»
Von der ETH Zürich über Lugano nach Oxford
Ehrenzellers akademischer Weg ist von Neugier und Entdeckungsdrang geprägt. Nachdem sie die Matura an der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen gemacht hat, begann sie ihr Studium an der ETH Zürich. «Da die ETH keinen Master in Medizin anbietet, musste ich für das Masterstudium zwangsläufig die Universität wechseln», erzählt die 24-Jährige. Ehrenzeller nutzte die Chance und entschied sich für die Università della Svizzera Italiana (USI) in Lugano. «Das Curriculum der USI harmoniert sehr gut mit dem der ETH. Ein Grossteil des Unterrichts findet in kleinen Gruppen statt - was eine enge Betreuung und viel Praxiseinblick ermöglicht – das hat mir besonders zugesagt.» Ein weiterer Reiz war die Sprache: «Es hat mich fasziniert, Italienisch zu lernen und einen weiteren Teil der Schweiz kennenzulernen.» Ihre Offenheit für Sprachen entwickelte sie bereits in der Schulzeit: «Ich habe mich bewusst für ein bilinguales Maturitätsprogramm entschieden, weil ich mich nicht zwischen Mathematik und Physik als Schwerpunktfach und meinen Interessen an Sprachen entscheiden wollte.» Diese Erfahrung hat sie geprägt: «Es hat meine Offenheit gestärkt und mir die Hemmungen genommen, in einer anderen Sprache zu studieren.»
Faszination Augenheilkunde
Dass Ehrenzeller sich für die Augenheilkunde entschieden hat, war nicht von Anfang an geplant. «Ich bin eher zufällig darauf gestossen», gibt sie zu. Eine Dozentin empfahl ihr den Chefarzt der Ophthalmologie in Lugano als möglichen Betreuer für die Masterarbeit – und so begann ihre Reise in dieses Fachgebiet. «Es hat mich glücklicherweise sofort gepackt», erzählt sie begeistert. Ihre Faszination für das Auge erklärt sie so: «Es ist klein, aber unglaublich komplex und steht mit vielen anderen Organen, wie dem Gehirn oder dem Herz-Kreislaufsystem, in Verbindung. Ich bin überzeugt, dass die Forschung in den kommenden Jahren noch tiefere Zusammenhänge aufdecken wird. Zukunftsträchtige Technologien wie künstliche Intelligenz spielen dabei eine grosse Rolle.» Die Augenheilkunde sei ein eher technisches Fach, in dem sich in den nächsten Jahren durch neue Bildgebungsverfahren und KI-gestützte Diagnosen enorm viel tun werde – und Ehrenzeller möchte Teil dieser Entwicklung sein. Ihre Masterarbeit widmete sie der Malattia Leventinese, einer seltenen, vererbbaren Augenkrankheit, die in jungen Jahren zur Erblindung führt. Um die Krankheit neben den klassischen bildgebenden Methoden weiter zu untersuchen, sagt sie: «Ich arbeite daran, die Daten mit einem Algorithmus automatisch analysieren zu lassen – so hoffen wir, die Krankheit besser zu verstehen.» Ihr nächstes grosses Projekt wird sie in Oxford umsetzen: «Ich werde an einer Gentherapie für die 'Malattia Leventinese' forschen. Obwohl die Krankheit selten ist, gibt es grosse Parallelen zur Altersbedingten Makuladegeneration (AMD), welche die häufigste Ursache für Blindheit in der westlichen Welt ist. Meine Forschung könnte also langfristig auch AMD-Patienteninnen und -Patienten zugutekommen.»
Ein Spannungsfeld mit Perspektive
Neben ihrem Studium engagiert sich Ehrenzeller aktiv in der Gesundheitspolitik. Bis vor kurzem war sie im Vorstand der swimsa, der Vereinigung der Schweizer Medizinstudierenden. Inzwischen vertritt sie die Schweizer Medizinstudierenden in der Schweizer Delegation zur WHO und konnte kürzlich an einer Vorstandssitzung der WHO in Genf teilnehmen. «Ich finde es äusserst spannend, mich in der Gesundheitspolitik einzubringen», sagt sie. «Neben den manchmal eher trockenen oder theoretischen Vorlesungen gibt mir das einen direkten Bezug zur Realität des Gesundheitswesens.» Ein besonderes Anliegen ist ihr die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Medizin. «In den Praktika sehe ich, wie ineffizient unser Gesundheitssystem teilweise funktioniert – besonders durch enorme Bürokratie und fehlende Digitalisierung. Da müssen wir dringend ansetzen.»
Chancen packen
Trotz ihres vollen Zeitplans findet Ehrenzeller Möglichkeiten, um abzuschalten. «Ich bin am liebsten draussen – beim Joggen oder Velofahren kann ich den Kopf freibekommen.» Eine weitere Leidenschaft ist die Küche: «Kochen ist für mich wie eine Wissenschaft – man kann Neues ausprobieren und dann auf das Resultat gespannt sein.» Auf die Frage, was ihr im Leben am wichtigsten ist, antwortet sie ohne Zögern: «Freude an dem zu haben, was ich mache.» Dieses Prinzip zieht sich durch ihre gesamte Karriere. «Ich möchte mich in einem Themengebiet richtig vertiefen, an der Front des Wissens stehen und mit meiner Arbeit dazu beitragen, das Leiden von Menschen mit derzeit unheilbaren Krankheiten zu verringern.» Ihr Motto lautet: Chancen packen und Neues ausprobieren. Und ihre nächste Herausforderung steht bereits auf ihrer persönlichen «Bucket List»: «In Oxford möchte ich unbedingt Rudern lernen», sagt sie lachend.
Von Benjamin Schmid